Er wagt es, steigt hoch, steigt höher, rutscht aus und fällt - quer über die Eisflanke, 40 Grad steil, vor den Augen seiner sechs Begleiter. Der österreichische Bergsteiger hat Glück: Er verletzt sich nur leicht. Sein Unfall ereignete sich im letzten Sommer im Grimselgebiet. Vor wenigen Jahren noch wäre dies an derselben Stelle kaum möglich gewesen. Damals war der vergletscherte Übergang von der Gelmer- zur Trifthütte ein alpinistischer Spaziergang.
Grate werden also auch heuer bröckeln, Firn- und Eiswände aufweichen, Schneebrücken über Gletscherspalten bereits morgens wackeln, Bergschrunde sich zu riesigen Mäulern weiten, ganze Felstürme in sich zusammenstürzen.
Die Schilderungen des Luzerner Bergführers decken sich mit den Beobachtungen seiner Berufskollegen. «Wir alle müssen vorsichtiger sein», sagt der Zermatter Hermann Biner, Vizepräsident des internationalen Bergführerverbands. Speziell für wenig Erfahrene sei es im Hochgebirge heikler geworden.
Sorgen bereitet Biner vor allem der Steinschlag. Die Monte-Rosa-Ostwand etwa - mit 2500 Metern die höchste vertikale Arena der Alpen - ist zur Sperrzone verkommen. Die meisten der rund 100 Routen sind wegen Steinschlaggefahr nicht mehr begehbar. Besonders problematisch ist die Lage laut Biner an häufig begangenen «Modebergen» wie dem Matterhorn, dessen Permafrostwände mehr und mehr auftauen. Profis hätten eventuell Chancen, einem sich abzeichnenden Felsausbruch auszuweichen. Doch selbst sie schaffen es nicht immer: Am Obergabelhorn einem markanten Walliser 4000er - brach im vergangenen Jahr eine Felsplatte ab und riss zwei Alpinisten in die Tiefe. Einer davon war ein Walliser Führer.
Trotzdem kann es vorkommen, dass eine Tour ins Wasser fällt. Die Kunden, so weiss der Zermatter Führer Biner aus Erfahrung, akzeptieren kurzfristige Änderungen mehrheitlich. «Die Sicherheit geniesst nach wie vor höchste Priorität.» Jürg Haltmeier pflichtet ihm bei. Im Grundsatz, so betont er, habe sich nichts Wesentliches geändert: «Bergsteigen ist und bleibt ein Risikosport.»
Dies zeigt sich nicht zuletzt in der Bergunfallstatistik. Pro Jahr sterben durchschnittlich 100 Bergsteiger und -wanderer in den Alpen. Über die vergangenen 10 Jahre ist dieser Wert in etwa stabil geblieben. «Sehr viele Unfälle sind selbstverschuldet und keine direkte Folge der erschwerten Bedingungen», sagt Bruno Hasler, Bergführer und Ausbildungsleiter beim Schweizer Alpen-Club (SAC). Wer trotz der Gefahren ohne Bergführer unterwegs sei, gibt Jürg Haltmeier zu bedenken, müsse die Tour umso akribischer planen. Dies beinhalte etwa, sich zuvor beim Hüttenwart über die aktuellen Verhältnisse am Berg zu informieren. «Angaben in Routenbüchern können trügerisch sein.»